Erste europäische Leitlinie zu Diabetes und Straßenverkehr

Diabetespatienten dürfen grundsätzlich Auto fahren
 
Erstmals in Europa wurde die Fahrtauglichkeit bei Diabetes auf wissenschaftlich fundierter Grundlage bewertet und in einer Leitlinie zusammengestellt. Damit liegen jetzt klare Handlungsempfehlungen für mehr als sechs Millionen Patienten in Deutschland, für Ärzte, Verkehrsmediziner, Amtsärzte, Diabetesberater, Psychologen, Behörden und Versicherungsfachleute vor. „Darauf haben wir lange gewartet“, erläuterte Juliane Grützmann, Geschäftsführerin der DDH-M nach der Pressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 15. März in Berlin. „Bislang waren viele Patienten verunsichert, denn es gab keine eindeutigen Richtlinien, auch nicht für Ärzte, die Gutachten geschrieben haben. Ich begrüße die Leitlinien sehr, denn damit werden Unklarheiten auf beiden Seiten beseitigt und die Beantragung eines Führerscheines ist um einiges leichter.“ Das bedeute sowohl mehr Teilhabe als auch die Möglichkeit, Berufe wie Lastwagen- oder Taxi-Fahrer ausüben zu können, ergänzte die Diabetesberaterin.
 
Die sogenannte S2-e-Leitlinie „Diabetes und Straßenverkehr“ wurde auf Initiative der DDG mit anderen Fachgesellschaften und Verbänden auf der Grundlage sämtlich verfügbarer wissenschaftlicher Evidenz erstellt. Die 188 Seiten umfassende Leitlinie bietet nun eine zusätzliche Rechtssicherheit sowohl für Ärzte als auch für Patienten. Sie informiert Behandler über die fachlich gebotene Vorgehensweise, einschließlich Patientenaufklärung. „Ein Arzt, der sich an diese wissenschaftlich abgesicherten Empfehlungen hält, muss grundsätzlich keine Haftung befürchten“, betonte Rechtsanwalt Oliver Ebert bei der Pressekonferenz der DDG in Berlin. „Zugleich können Ärzte auch ein sogenanntes ‚ärztliches Fahrverbot‘ aussprechen und Verhaltensvorgaben machen, wenn dies angezeigt ist“, fügte der Rechtsanwalt hinzu.
 
Patienten wiederum können einfacher gegen ein fehlerhaftes Gutachten vorgehen und einen drohenden Verlust der Fahrerlaubnis abwenden. „Das schützt vor Diskriminierung und Ausgrenzung, ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe und sichert berufliche Existenzen“, betonte Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Mediensprecher der DDG. Am Ende profitierten auch Begutachter von der Leitlinie. „Ihnen sind klare Kriterien an die Hand gegeben“, so Gallwitz.
 
Wichtige Gründe, die Fahreignung zu verlieren, sind eine unbehandelte Schlaf-Apnoe oder wiederholte schwere Unterzuckerungen. „Bei zwei schweren Unterzuckerungen im Wachzustand innerhalb eines Jahres darf man zunächst nicht mehr Auto fahren“, erläuterte Professor Dr. med. Reinhard Holl, Koordinator und Mitautor der Leitlinie und Mitglied im Ausschuss Soziales der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) vom Institut für Epidemiologie des Universitätsklinikum Ulm. Aber die Leitlinie zeige auch Möglichkeiten auf, die Gefahr von Unterzuckerungen zu verringern und die Fahrtauglichkeit damit wiederzuerlangen – etwa durch eine Medikamenten-Umstellung, Wahrnehmungsschulungen oder eine kontinuierliche Glukosemessung mit akustischer Warnfunktion. Außerdem gebe die Leitlinie praktische Tipps zur Erhöhung der Verkehrssicherheit. „Jeder Insulinpatient sollte vor Fahrtantritt den Blutzucker messen und schnellwirkende Kohlenhydrate etwa in Form von Traubenzucker im Auto griffbereit haben“, sagte Prof. Holl.
 
Eine vorübergehende Fahruntauglichkeit liegt bei schweren Stoffwechselentgleisungen, in der Einstellungsphase auf Insulin, aber auch bei anderen wichtigen Therapieumstellungen oder Dosisänderungen vor – sie gilt, bis der Blutzuckerstoffwechsel stabil ist. „Die neue Leitlinie dürfte dazu beitragen, die Sicherheit im Straßenverkehr insgesamt zu verbessern“, bilanzierte DDG-Mediensprecher Prof. Gallwitz.
 
Die Leitlinie gilt bis zum 30. November 2022 und kann herunter geladen werden unter: https://tinyurl.com/y8uefqqx