Thomas Franzki (DDH-M) und Dr. Klaus Warz (Diabetiker Allianz DA) haben im Politikmagazin "Report Mainz" des Südwestrundfunks ihre Stimme als Betroffene erhoben. Die Politik darf eine Nationale Diabetesstrategie in Deutschland nicht weiter blockieren.

Immer mehr Menschen leiden an Diabetes, doch die Politik scheitert bisher daran, auf Bundesebene eine effektive Diabetesstrategie umzusetzen. Dabei ließen sich Diabetes Typ 2 und seine teilweise schwerwiegenden Folgeerkrankungen wie Nierenversagen oder Amputation dadurch mindern oder sogar ganz vermeiden.

Titelbild: Thomas Franzki, Leiter der Diabetes Selbsthilfegruppe in Ganderkesee, DDH-M

"Meine Nieren haben gesagt: 'Wir wollen nicht mehr', meine Pumpe hat daraufhin eine Flimmerei bekommen, und ich war dann von einer Minute auf die andere umgefallen und war tot." Thomas Franzki (musste zwei Mal wiederbelebt werden)

"Wenn ich gewusst hätte, dass dieser Diabetes zu gravierenden Nebenwirkungen führen kann, dann hätte ich eine andere Lebensweise gehabt. Vielleicht wär die Krankheit leichter ausgefallen oder anders, oder gar nicht ausgefallen." Thomas Franzki

Diabetes ist als Volkskrankheit auf dem Vormarsch. Über 7 Millionen Erkrankte gibt es in Deutschland. Nach Schätzungen wird diese Zahl bis 2040 auf 12 Millionen ansteigen. "Ein Tsunami rollt auf uns zu", sagt Klaus Warz, Sprecher der Diabetiker-Allianz. Doch es mangelt an einer nationalen Diabetesstrategie der Bundesregierung, die die Bekämpfung der Krankheit endlich zur Chefsache macht. In einem Positionspapier fordert die Diabetiker-Allianz von der Bundesregierung unter anderem eine bessere Aufklärung und mehr Prävention. 

Thomas Franzki aus Niedersachsen ist überzeugt, dass sein Diabetes und seine schweren Folgeerkrankungen (Herz- und Nierenprobleme, multiples Organversagen) vermeidbar gewesen wären, wenn er vor seiner Erkrankung über die Prävention von Diabetes besser aufgeklärt gewesen wäre. 

Eine Nationale Diabetesstrategie steht sogar seit 2018 im Koalitionsvertrag – doch wegen regierungsinterner Streitigkeiten liegt sie schon länger auf Eis. Ein Versagen der Regierung, sagt die Sprecherin der Grünen für Gesundheitsförderung, Kirsten Kappert-Gonther.

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Oppositionspolitikerin kritisiert fehlendes Maßnahmenpaket der Bundesregierung Patientenverbände fordern nationale Diabetesstrategie der Politik wegen steigender Diabetikerzahlen

Die Diabetiker-Allianz, ein Zusammenschluss der vier großen Patientenverbände in Deutschland, beklagt ein Versagen der Politik bei der Umsetzung der geplanten nationalen Diabetesstrategie.

Patientenverbände fordern nationale Diabetesstrategie der Politik wegen steigender Diabetikerzahlen

Klaus Warz, Sprecher der Diabetiker-Allianz, kritisiert im Interview mit dem ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ: "30 Jahre warten wir schon. Das sind 30 Jahre zu viel, zumal rings um uns in Europa die meisten Länder eine nationale Diabetesstrategie haben. Das ist nicht hinnehmbar." Eine zentrale Forderung der Diabetiker-Allianz: Die Politik müsse dringend für mehr Aufklärung über Diabetes und seine Folgeerkrankungen sorgen. "Millionen von Menschen müssen wissen, wie gefährlich der Diabetes in seiner Langzeitwirkung ist. Und wenn sie an Folgeerkrankungen sterben, dann weil der Diabetes zu spät erkannt wurde. Deswegen ist hier dringender Handlungsbedarf, was die Aufklärung betrifft, und das muss schon in der Schule beginnen", so Klaus Warz.

Im Koalitionsvertrag von 2018 hatten sich Union und SPD zwar darauf geeinigt, eine nationale Diabetesstrategie zu entwickeln. Doch schon vor mehreren Monaten sind die Verhandlungen über die genaue Ausgestaltung der Strategie ins Stocken geraten. Grund sind Streitigkeiten zwischen den Regierungsparteien in der Frage, ob die Lebensmittelindustrie gesetzlich zur Reduktion von Zucker in bestimmten Nahrungsmitteln gezwungen werden soll.

Kappert-Gonther: Regierung stiehlt sich aus der Verantwortung

Die grüne Bundestagsabgeordnete und Fraktionssprecherin für Gesundheitsförderung, Kirsten Kappert-Gonther, kritisiert gegenüber REPORT MAINZ eine fehlende Diabetesstrategie: "Es ist ein Versagen der gesamten Regierung. Die Bundesregierung ist in der Verantwortung, endlich die Gesundheitsinteressen der Bevölkerung vor die Interessen der Wirtschaft zu stellen. Ich finde es erschütternd, dass sie das nicht tut."

Ob und wann eine nationale Diabetesstrategie kommt, ist weiterhin unklar. Auf Nachfrage von REPORT MAINZ beim federführenden Bundesgesundheitsministerium heißt es nur: "Derzeit dauern die Abstimmungsprozesse zur Diabetesstrategie noch an."

Experten rechnen in Zukunft mit 12 Millionen Diabetikern in Deutschland

Über 7 Millionen Menschen sind in Deutschland von Diabetes betroffen. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Institutes wird diese Zahl bis zum Jahr 2040 auf 12 Millionen ansteigen. Weit über 90 Prozent der Diabetiker in Deutschland sind Typ 2-Diabetiker. Diese Form des Diabetes hat ihre Ursache neben erblichen Faktoren vor allem in ungesunder Ernährung, Übergewicht und mangelnder Bewegung. 

Stand: 25.2.2020, 17.34 Uhr

Report Mainz SWR Kanal

Report Mainz

Warum die Politik dringend handeln muss
Volkskrankheit Diabetes

Autoren:
Christian Saathoff, Niklas Maurer, Max Schlösser
Kamera:
Jens Kleinert, Enrico Mock, Christian Saal, André Schmidtke, Lukas Wunschik
Schnitt:
Katharina Schmier
Sprecher: 
Christian Saathoff
Moderation:
Fritz Frey

25.2.2020, 21:45 Uhr, ARD, 7:30 min

Quelle:
https://www.swr.de/report/warum-die-politik-dringend-handeln-muss-volkskrankheit-diabetes/25-patientenverbaende-fordern-nationale-diabetesstrategie-der-politik-wegen-steigender-diabetikerzahlen/-/id=233454/did=25143434/mpdid=25222176/nid=233454/1lpnhze/index.html

Quelle: https://www.swr.de/report/warum-die-politik-dringend-handeln-muss-volkskrankheit-diabetes/-/id=233454/did=25143434/nid=233454/osqobq/index.html