Diabetes-Kochbuch: Die Ernährungs­wissenschaftlerin Dr. Claudia Miersch hat das Buch "Das große Diabetes-Kochbuch" in Rahmen des Projekts "Diabetes-Bücher unter die Lupe genommen" rezensiert.

"Das große Diabetes-Kochbuch"

Kategorie: Diabetes-Kochbücher

Das Buch von Doris Fritsche und Cora Wetzstein ist ein Kochbuch mit sehr vielen zusätzlichen Informationen über Ernährung, Stoffwechsel und Diabetes. Es wurde 2020 erstmals aufgelegt. Es handelt sich meiner Meinung nach um ein sehr gelungenes Buch mit ein paar wenigen Schwachstellen, die ich gerne näher erläutern würde.

Erstens finde ich die Darstellung des glykämischen Indexes in der Tabelle etwas unglücklich. Durch die Verwendung eines Farbcodes (grün-gelb-rot) wird dem Leser suggeriert, dass man bestimmte Lebensmittel lieber nicht isst (rot), zum Beispiel Wassermelone, andere Lebensmittel hingegen weniger schlimm sind für den Blutzucker, wie reiner Zucker (gelb) oder Orangensaft (grün), obwohl das wahrscheinlich nicht Ziel der Autorinnen war. Denn die Tabelle enthält neben dem glykämischen Index weitere Informationen über die Kohlenhydrat- und Ballaststoffmenge, die für eine Abwägung zusätzlich berücksichtigt werden sollten. Hinzu kommt der Fakt, dass der glykämische Index für verschiedene Lebensmittel enorm variiert. Beispielsweise bekommt man in der Literatur für Haferbrei (Haferflocken mit Wasser aufgekocht) Werte zwischen 50 und 80, also entsprechend der Farbskala zwischen grün bis rot.1

Bei den Empfehlungen zur Senkung des Harnsäurespiegels bin ich auch anderer Meinung. Ist der Harnsäurespiegel zu hoch, steigt das Risiko für Gicht, da diese Säure Kristalle ausbildet, die sich in den Gelenken ablagern kann. Insbesondere bei der Verstoffwechselung von Purinen entsteht Harnsäure. Purine sind in jeder Zelle zu finden, daher kann man sie sowohl über tierische als auch über pflanzliche Lebensmittel aufnehmen. Darüber hinaus erhöht auch der Verzehr von Fruktose und Alkohol die Harnsäurekonzentration im Blut. Nach Studienergebnissen sieht man eher Alkohol, Fleisch und Fruktose als diätetische Risikofaktoren für Gicht, weniger pflanzliche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte.2 Durch den regelmäßigen Verzehr von fructosehaltigen Getränken (1 Softdrink oder Saft pro Tag) erhöht sich bereits das Gicht-Risiko um 45 %.3 Es wäre sinnvoll, noch deutlicher auf die negative Wirkung von Zucker und fructosehaltigen Getränken hinzuweisen, als vor gesunden Hülsenfrüchten zu warnen. Studien konnten außerdem belegen, dass der Verzehr von purinreichen pflanzlichen Lebensmitteln nicht mit einem erhöhten Risiko einhergeht, einen Gichtanfall zu erleiden.4

Auch zum Thema Cholesterin würde ich gerne noch ein paar Worte verlieren. Der Cholesterinspiegel wird nur in einem geringen Maß durch unser Nahrungscholesterin beeinflusst. Das haben mittlerweile viele Studien belegt. 5-6 Das soll nicht heißen, dass ein erhöhter Blutcholesterinspiegel dennoch ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist, aber Cholesterin ist nur ein winzig kleines Puzzle-Stück in einem großen, mitunter sehr verwirrenden 3D-Puzzle mit vielen Einflussfaktoren und Stellschrauben. Die Empfehlungen, die Nahrungscholesterin zum Beispiel aus Eiern immer noch so stark verteufeln, sollte daher überdacht werden.

Vorzüge des Buches

Bedeutung und Stellenwert der Lebensstiländerung werden sehr schön hervorgehoben.
Reflexionen zu verschiedenen Ernährungsformen (fettarm, low carb, slow carb).
Ausführliche und verständliche Informationen über Diabetes, Kohlenhydrate und diabetes-assoziierte Erkrankungen.
Beschreibung der Hafertage zum Einstieg der Ernährungsumstellung mit tollen Rezepten in etwas abgewandelter Form.
Insgesamt eine schöne Rezeptauswahl mit vielen Gemüse- und Vollkornvarianten.

 

Verbesserungswünsche der Ernährungsexpertin

Glyx-Tabelle führt zu einer falschen Beurteilung und zu möglichen Verunsicherungen beim Leser.
Sehr häufig wird in Beispielen Kalorien von einzelnen Lebensmitteln miteinander verglichen nach dem Motto: Lebensmittel A hat weniger Kalorien als Lebensmittel B, daher kann man damit leichter abnehmen. Doch man weiß mittlerweile aus vielen Studien, dass eine Kalorie im Lebensmittel nicht immer eine Kalorie auf dem Teller ist!

 

Buchcover: Das große Diabetes-Kochbuch

Zum Buch


Doris Fritzsche, Cora Wetzstein: Das große Diabetes-Kochbuch.

ISBN: 3833875542 , Graefe und Unzer Verlag 
5. November 2020 - gebunden - 240 Seiten
[UVP] 25,00 €

Buchrezension im Rahmen des Projekts: "Diabetes-Bücher unter die Lupe genommen".
Beitrag vom 15.09.2021; letzte Aktualisierung am 15.10.2021

Quellen (letzter Abruf September 2021):  

1) Datenbank zum glykämischen Index www.glycemicindex.com
2) Beate Schumacher: Gicht durch zu viel Fruchtzucker? CME 13, 22 (2016) https://link.springer.com/article/10.1007/s11298-016-5905-x
3) Deutsche Apotheker Zeitung: Fruktose so schädlich wie Alkohol https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2014/03/13/fructose-so-schaedlich-wie-alkohol
4) Karina D. Torralba, et al.: The interplay between diet, urate transporters and the risk for gout and hyperuricemia: current and future directions. Int J Rheum Dis. 2012 Dec;15(6):499-506. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23253231/
5) Tsoupras A, Lordan R, Zabetakis I. Inflammation, not Cholesterol, Is a Cause of Chronic Disease. Nutrients. 2018 May 12;10(5):604. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29757226/
6) Grundy SM. Does Dietary Cholesterol Matter? Current Atherosclerosis Reports. 2016 Nov;18(11):68. https://europepmc.org/article/med/27739004